Samstag, 20. April 2013

Wie ferngesteuert eile ich zum Klavier. Die wenigen Sekunden, die ich brauche, um es zu erreichen, dauern eine Ewigkeit. Meine Finger streben zitternd den Tasten zu, mein rasendes Herz wartet ungeduldig auf die Erlösung. Die Berührung löst die Spannung. Ich spüre die Tasten unter meinen Händen, ich höre die warmen Klänge und alles ist gut.

Ich lasse meine Finger tanzen, lasse die Tränen fließen und genieße das befreiende Gefühl. Wie neblige Träume entschweben die Akkorde der Klaviatur und erfüllen die Luft. Sie verschmelzen miteinander, bauen um mich herum eine andere Welt auf, eine samtweiche Welt, eine erbauliche Welt, eine wundervolle Welt.
 Der Tränenstrom versiegt allmählich. Ich lächele, blende alles aus, spiele immer intensiver, verliere mich in der anderen Welt. 

Da durchdringt ein scharfer Speer die sanfte Wolkenmauer meiner Welt und trifft mich mitten ins Herz. Es ist die erbarmungslose Frage, was ich da tue. Ein weiterer Speer folgt und durchbohrt meinen Kopf. Es ist die erbarmungslose Antwort auf die erbarmungslose Frage, was ich da tue:

Ich sitze in einem Raum an einem Instrument und bewege meine Finger. Mehr ist es nicht. Alles nur Illusion. Das wahre Leben zieht draußen an mir vorbei. Wenn ich den Raum verlasse, wird sich nichts geändert haben. Ich verstecke mich vor der Zeit, gebe mich dem Irrglauben hin, dass ich sie anhalten könnte, indem ich sie nutzlos verstreichen lasse, während ich mich mit meiner anderen Welt ablenke.

All die Wut, die ich nicht empfinden darf. All die Wünsche, die ich nicht hegen darf. All die Verzweiflung, die ich nicht zeigen darf. 
Das Wissen um meine Erbärmlichkeit zerreißt mich.